Thies hat geschrieben:
Genau deswegen!!! Sorry, Gobo, ist jetzt nicht böse gemeint, aber hier liegt das Hauptproblem:
Wir nehmen komplexe Volkswirtschaften und greifen uns einen kleinen Baustein heraus und nehmen diesen dann als Grundlage, um unsere Thesen zu beweisen. Das funktioniert aber leider nicht so einfach.
Ja, UK und Holland haben Mindestlohn und es funktioniert. Dabei wird aber z.B. in UK ein wichtiger zweiter Punkt vergessen: die haben bei weitem keinen so hohen Kündigungsschutz wie wir in Deutschland.
Es ist doch nichts in Stein gemeißelt- Gesetze kann man ändern und anpassen.
Dieses Land bräuchte in einigen Bereichen dringend ein Update- angefangen vom maroden Schulsystem und dessen mangelhafte Finanzierung ( hier ist vor 2 Jahren in den Weihnachtsferien die Decke in ein Klassenzimmer einer Grundschule gestürzt- Mängel waren lange bekannt, aber die Sanierung wollte keiner zahlen- um nur mal ein Beispiel zu nennen) über diese unsäglichen "Mini- Jobs" (mir fallen aus meinem Bekanntenkreis aus dem Stehgreif mindestens ein Dutzend Leute ein, die im Rahmen dieser Regelung 30 Wochenstunden und mehr arbeiten, wenn ich ein wenig überlege, sicherlich noch einige mehr), Rentensystem, usw..
Ich sehe kein Problem darin, das Arbeitsrecht grundlegend zu reformieren- nur bitte nicht schon wieder nur einseitig zu Lasten der Arbeitnehmer.
Natürlich kann ein Arbeitgeber dann Mindestlohn zahlen, wenn er entsprechende Aufträge hat, denn er weiss, dass wenn die Aufträge wegbrechen, dann kann er die Mitarbeiter schnell entlassen und so seine Kosten auch wieder reduzieren. In Deutschland ist da ein Problem.
Dann sollte man solche Probleme mal angehen- aber dabei auf Ausgewogenheit achten.
Holland ist auch sehr interessant. In Deutschland wird immer gegen Zeitarbeitsfirmen geschimpft, weil die so niedirgen Löhne zahlen würden (was im sog. Helfergeschäft leider auch stimmt). In Holland, wo es einen Mindestlohn gibt, ist der Anteil der Zeitarbeitsfirmen deutlich höher! Komisch was, insbesondere da dort auch der jeweils branchenbezogene Mindestlohn gezahlt werden muss!!! Denn auch hier gilt: Fallen für den Arbeitgeber die Erträge weg, kommt er schneller aus dem Arbeitsverhältnis raus.
Wie gesagt- auch darin sehe ich kein Problem. Die Arbeitslosigkeit in den Niederlanden ist recht niedrig seit der Arbeitsmarkt reformiert wurde, Langzeitarbeitslose zählen da mittlerweile fast zu den aussterbenden Arten
Nehmen wir als Bsp. mal die Friseurin in Deutschland. Ich weiss das rein zufällig etwas genauer, weil meine Frau als Friseurin angestellt ist, was dort verdient wird. Wenn da der von den Gewerkschaften geforderte Mindestlohn von 7,50 Euro gezahlt wird, hätte das zur Folge, dass wir ca. das dreifache bezahlen müssten (wegen Lohnnebenkosten etc.). Die Folge wäre, dass noch deutlich mehr Menschen ihre Haare "schwarz" machen lassen würden.
Vielleicht- vielleicht auch nicht.
Zum einen hätten viel mehr Menschen überhaupt erstmal ein wenig Geld übrig, das sie zum Friseur tragen können- ich z.b. war seit mindestens 7 Jahren bei keinem Friseur mehr. Aber nicht, weil ich zu geizig bin oder die Preise zu hoch finde, eher im Gegenteil- bei manchen wundert man sich inzwischen, wie die ihre Mieten zahlen können- aber ich hab das Geld dafür einfach nicht über. Also schneid ich eben selbst.
Und von Schwarzarbeit müssen beide Seiten was haben- die Friseuse wird nach einer harten Arbeitswoche wohl kaum auch noch den ganzen Sonntag mit Haare schneiden verbringen, wenn sie es nicht unbedingt muss. Zumindest wird sie es nicht für weniger Geld tun, als sie in ihrem Hauptjob verdient- also wird auch Schwarzarbeit teurer. Überhaupt wird die meiste Schwarzarbeit im privaten Bereich inzwischen nur deswegen ausgeübt, weil viele Leute von dem, was sie verdienen kaum leben können, sich aber nicht der Schmach Hartz4 aussetzen möchten- das kann ich mehr als gut verstehn.
Wenn ich die Wahl hätte, würde ich mich aber dann doch lieber in den Salon setzen, und von der Kopfhautmassage beim Waschen bis zum Fönen alles mitnehmen- gerade Frauen sehn da nicht nur die neue Frisur, sondern auch das drumherum.
Wenn ich mich jetzt mal so umschaue- in den Nachbarorten im Umkreis von 10 km gabs vor 7 Jahren als ich hergezogen bin für rund 15.000 Menschen vielleicht 11-12 Salons. Inzwischen gibts in der Kleinstadt mit 6000 Einwohnern allein 17 Friseure, 4 davon an der Hauptstraße auf einem Straßenabschnitt von nicht mal 100 Meter. Im direkten Nachbarort gibts für 900 Einwohner mittlerweile ebenfalls 3 Friseure, in den anderen Dörfern rundherum sprießen sie auch wie die Pilze aus dem Boden. Fast alle davon werden auch noch mit Bundesmitteln gefördert- mal davon abgesehn, dass die Angestellten auch noch von Staat bezuschußt werden. Hirnrissiger gehts wohl kaum noch, denn seitdem schreitet das Lohn- und Preisdumping immer schneller voran. Die alteingesessenen Friseure mit vernünftigen Preisen und Löhnen haben inzwischen alle das Handtuch geworfen, weil sie sich daran nicht beteiligen könnne und wollen.
Ich denke du wirst mir zustimmen, dass solche Zustände mit vernünftigem Unternehmertum rein gar nichts mehr zu tun haben.
Ich bin gegen einen Mindestlohn, weil das Ergebnis aus meiner Sicht nicht das wäre, was es versprechen soll. Es klingt schön und verspricht viel, ohne es wirklich zu halten, wenn parallel nicht die anderen Rahmenbedingungen (Kündigungsschutz, Lohnnebenkosten etc.) auch angepasst werden. Aber das will man in Deutschland - zu Recht - auch nicht.
Die Rahmenbedingungen können meinetwegen sehr gern angepasst werden
Es gibt eine Alternative (sorry, wenn ich jetzt parteipolitisch werde): das liberale Bürgergeld. Das ist eine negative Einkommenssteuer. Wenn jemand weniger als ein festzulegendes Mindestvolumen verdient, dann bekommt er in Form einer negativen Steuer einen Ausgleich. Wichtig dabei ist aber - als Anreiz, damit man arbeitet - dass der tatsächliche Lohn nur anteilig angerechnet wird, damit man definitiv mehr hat, als wenn man nicht arbeitet. Insgesamt hat das drei Vorteile:
1. Man erhält mehr als ein Arbeitsloser
2. Es gibt nicht dutzenden von Sozialleistungen, die man kaum überblicken kann, sondern nur noch eine Stelle, das Finanzamt
3. Der Arbeitgeber und der Arbeitnehmer zahlen weiterhin in die Sozialsysteme ein, so dass unser Sozialsystem entlastet wird.
Diese Alternative halte ich ebenfalls für sinnvoll, aber die wird sich ja noch viel weniger durchsetzen lassen als ein Mindestlohn...