Ich beziehe mich in erster Linie auf die Diskussion zuletzt von Ein_Jak und Vyper, ohne genau auf einzelne Punkte genau Rücksicht zu nehmen. Von daher könnte der eine oder andere Gedanke nur sinngemäß wiedergeben sein, was im Zweifelsfalle bitte nicht als boshafte Fehlinterpretation gedeutet werden soll.
Rente erst ab 70
Für das idealisiertes Rentenalter erst ab 70 kommen wirklich nur nahezu unentbehrliche Fach- und Führungskräfte in Frage, wie Vyper sie beschrieben hat. (Sofern sie nicht vor Stress zu oft zu nah am Infarkt standen).
Als normaler Mensch mit mittlerer Bildung und durchschnittlichen Ehrgeiz (einer wie ich z.B.) wird in den seltesten Fällen solche Positionen erreichen können oder wollen, weil er andere Prioritäten in seinem Leben setzt oder gesetzt hat. Wahrscheinlich wird jedoch eines Tages tatsächlich die 70 als Maß aller Dinge festgelegt werden. Wenn das passiert, kann man den 'normalen' Frührentnern gleich wieder den Rentenanspruch kürzen. Dies betrifft besonders hart wieder die einfache Kassieren, den Schuhvekäufer, den Call-Center-Agent, den Büroassistenten etc. Die sind garantiert nicht unverzichtbar und bei der erstbesten Krise so gut wie raus aus dem Arbeitswelt, sofern sie über 40 sind.
Arbeitslosigkeit und Bildung
Das Problem ist nicht nur die hohe Zahl von Arbeitslosen, auch die Konzepte zur Weiterbildung und Eingliederung von Arbeitslosen werden von den Firmen nicht angenommen.
Die Frage ist: Warum?
Auf der einen Seite wird rumgeschrien, wir brauchen Fachleute für Dies&Das. Dann wird wie wild umgeschult und weitergebildet. Dann macht diese Branche einen kleine Crash und kein Arbeitgeber will diese Umschüler mehr haben und sie werden gemieden wie die Pest. Weil in einer einjährigen Weiterbildung natürlich nicht die Kenntnisse vermittelt werden können, um nun mit einem Hochschulabsolventen mit mehrjähriger Berufspraxis in Führungsposition ernsthaft konkurrieren zu können. Die Unternehmen sind aber auch nicht bereit, einem 30jährigen Weiterbildungskandidaten einen Einstieg zu gewähren, weil das offensichtlich nicht rentabel ist. Stattdessen läßt man die Umschüler wieder dumm dastehen.
Offensichtlich funktioniert das moderne Zusammenspiel von Staat/Gesellschaft/Wirtschaft mit einer hohen Arbeitslosenzahl besser, als bei einer weitesgehenden Vollbeschäftigung. Vollbeschäftigung hatten wir z.B. in der 'DDR'. Dies war aber mit ein Grund, warum die Effizienz insgesamt so niedrig war und somit letztenendes auch nicht konkurrenzfähig im Vergleich zum internationalen Wettbewerb produziert wurde. Dies wiederum führte mit zum Zusammenbruch des gesamten Systems.
Wenn aber bereits das Anlernen und Beschäftigen von mittelmäßig-qualifizierten Arbeitskräften in unsere heutigen Bundesrepublik und Leistungsgesellschaft nicht mehr rentabel ist, müßte man sich überlegen, ob eine gewisse relativ hohe Zahl von Arbeitslosen der Preis für den harten Wettbewerbsdruck ist. Dasselbe gilt für die mangelnde Bereitschaft von Unternehmen, jungendlichen Schulabgängern eine Perspektive in einem Ausbildungsberuf zu geben. Wahrscheinlich macht es gar keinen Sinn jemand in irgendwas auszubilden, womit in spätestens 5 Jahren sowieso kein Mensch mehr was mit anfangen kann. Weil man dann selbst mit Ausbildungsberuf nur noch beliebig, austauschbar oder schlicht überflüssig ist.
Wenn der Konkurrenzdruck in den Betrieben nur noch die Beschäftigung von höchstqualifizierten Fach- und Führungskräften sowie einer kleinen Zahl von austauschbaren Erfüllungsgehilfen zuläßt, müßte man sich alternative Konzepte überlegen, um den vielen Erwerbslosen wieder eine menschenwürdige Perspektive zu geben, und ohne sie für alle Probleme verantwortlich zu machen.
Ungerechtigkeit
Die Schere zwischen Arm und Reich klafft immer weiter auseinander.
Gegenüber den Erwerbslosen gibt's Leute, die verdienen Millionen und deren Aufgaben ist es teilweise sogar, ihre Großunternehmen möglichst effizient zu gestalten, was häufig weiteren Personalabbau bedeutet. Diese Großverdiener müßten wenigstens auf irgendeine andere Art&Weise wieder wenigstens ein bisschen Verantwortung für die nicht mehr benötigten Arbeitskräfte, nämlich für das Allgemeinwohl, übernehmen.
Es gibt da einen Spruch: Gewinne werden privatisiert, Verluste sozialisiert. Ich weiss zwar nicht aus welcher linken Ecke der kommt, aber es trifft das Problem ganz gut. Anstat dazu beizutragen, dass Sozialhilfeempfängern wenigstens ein menschenwürdiges Leben gewährleistet wird, müssen sich einige reiche Leute sorgen, wie sie ihr Geld am besten am Staat vorbei ins Ausland bringen.
Auch das gerede von mehr Billiglohn-Jobs kann ich nicht mehr hören. Für gute Bodenständige Leistung sollte es auch ein vernünftige Entlohnung geben. Das sollte auch für Leute gelten, die richtige Knochenarbeit leisten müssen und nicht das geistige potential und die Ausbildung haben, um einen 'trendigen' Job als hochqualifizierte Fach- und Führungskraft im Dienstleistungssektor einzunehmen.
In einer kritischen Vorlesung, die ich vor kurzem im Internet fand, hatte sich ein Professor sogar dahingeghend geäußert, dass gerade die Armen für die Fehler in der Wirtschaft bezahlen. Denn wo wurde und wird als erstes gekürtzt: Sozialhilfe, Ableitslosenhilfe, Arbeitslosengeld, Zuzahlungen in der Krankenversicherung treffen Arme auch stärker genauso wie das Einzahlen von Prämien in eine private Rentenvorsporge. Das raubt Kaufkraft von der 'Masse'. Vorschläge wie das zu Überwinden sei, hatte ich aber leider nicht in seinen Ausführungen gefunden.(Wenn jemand dennoch Interesse an diesem Skript hat, soll er mir Bescheid sagen. Vielleicht finde ich die URL irgenwo.)
Lösung:
Vielleicht wird unsere Gesellschaft tatsächlich eines Tages darauf hinauslaufen, das wenige Menschen überhaupt irgendetwas produzieren. Seien es Dienstleistungen, Rohstoffe oder benötigte Waren. Das machen sie aber nicht aus Habgier, sondern nur aus dem Wunsch heraus die Welt zu verbessern. Dem Rest der Menschheit wird ebenfalls die Möglichkeit gegeben, so gut wie möglich zum Allgemeinwohl beizutragen, ohne das jemand sich um seine Existens und Absicherung sorgen muss. Und sei es, das er den ganzen Tag nur Körbe flechtet und an Passanten verschenkt, weil er einfach nicht das hohe Maß an Wissen und Können mitbringt, um Ingenieur, Arzt oder Wissenschaftler zu werden. Alles andere wird sowieso nicht gebraucht und wird automatisiert.
Im Endeffekt sind die letzten 'utopischen' Überlegungen ziemlich nah am sozialistisch/kommunistischen Ansatz, soweit ich es beurteilen kann. Dieser gesellschaftliche Ansatz ist aber auch bereits historisch gescheitert. Da ich mich aber sowieso nur spekulativ geäußert habe, sollte das auch niemand zu ernst nehmen.
Ich halte es für wahrscheinlicher, dass sich die Menschheit lieber eines Tages überwerfen wird, weil jeder aufs Schärfste das verteidigt, was ihm noch geblieben ist, als das alle sich für ein gemeinsames lohnendes Ziel verbünden würden. Ich hoffe nur, sowas nicht miterleben zu müssen.
PS: Es liegt mir fern hier irgendeinen Steit heraufzubeschwören. Wenn sich jemand aufgrund anderer Erfahrungen oder Überzeugungen herausgefordert fühlt, dann liegt es nur an meiner mangelnden Formulierungskunst dieses Thema angemessen vorzutragen, was ich selbstverständlich zu entschuldigen bitte.
So jetzt wird's aber für mich Zeit, sich zur Ruhe zu begeben... Gute Nacht.